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Symbolbild Building Information Modeling: Ein neue Stadt wird digital geplant

Building Information Modeling: Das digitale Abbild

Die Digitalisierung macht auch vor dem Bauwesen nicht halt. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) wollen ab 2025 für ihre Bahninfrastruktur Building Information Modeling (BIM) nutzen. Das Ziel: Höhere Transparenz und bessere Koordination bei Bauprojekten. Unser Autor Henning Zander sprach mit Adrian Wildenauer, Senior Projektleiter BIM und Leiter BIM Standardisierung bei den SBB, über die Vorteile des digitalen Abbilds von Gebäuden und ihren Bauteilen. 

Die Schweizerischen Bundesbahnen unterhalten einen großen Teil des Schweizer Schienennetzes. Sie verfügen aber auch über 3.500 Gebäude und betreiben sogar Wasserkraftwerke. Um all diese Bauten zu managen, Sanierungen zu organisieren und Neubauten in dieses Netzwerk einzubringen, braucht es gute Daten. Die SBB setzen deshalb auf Building Information Modeling (BIM). Dabei handelt es sich um ein virtuelles Abbild von Gebäuden und Bauwerken. In diesem Modell sind sowohl Standort und Pläne eingebunden als auch die konkreten Bauteile, die verwendet werden, mit ihren entsprechenden Spezifikationen: Vom Türknauf bis zur Stromleitung. Mit dem digitalen Zwilling können beim Bau die Gewerke besser koordiniert, Projektkosten besser bemessen, aber auch bauliche Änderungen in Echtzeit eingetragen werden.

Adrian Wildenauer ist Senior Projektleiter BIM und Leiter BIM Standardisierung bei den SBB. Er kümmert sich mit seinem Team darum, die Digitalisierung in seinem Unternehmen weiter voranzubringen. Allein der alte Bauplan des Hauptbahnhofs in Zürich sei auf Papier mehrere Meter groß gewesen. Umbauten digital zu planen, sei da ein großer Fortschritt. „Manchmal werden Dinge auch einfach anders gebaut, als es mal gedacht war, der Plan wurde dann aber nicht nachträglich geändert“, sagt Wildenauer. Das gelte für viele Bauten. Die Aktualität ist ein großes Problem. „Vor Ort muss man eigentlich selbst nachschauen, ob der Stahlträger auch tatsächlich dort ist, wo er auf dem Plan eingezeichnet ist.“ BIM soll nun neue Transparenz bringen. „Unser Ziel ist es, mit BIM eine Grundlage zu haben für solide Entscheidungen entlang des Lebenszyklus“, sagt Wildenauer.

Herausfordernd: BIM in bestehende IT-Systeme einbinden

Dass BIM nun bei den SBB kommt, ist nicht nur der Wunsch des Unternehmens. Es ist auch ein ausdrücklicher staatlicher Wunsch des Bundesrats der Schweiz als Teil der nationalen Digitalisierungsstrategie. „Die Einführung von BIM bedeutet, dass wir viele Prozesse auf den Prüfstand stellen müssen“, sagt Wildenauer. „Manchmal heißt das sogar, dass neue Prozessschritte durch BIM wichtig werden, etwa wenn es um Datenprüfung und Validierung geht.“

Man kann nicht einfach über Nacht eine vorhandene IT-Struktur mit einem BIM-System verknüpfen. Das Kernteam der SBB besteht aus rund 40 Mitarbeitern. Insgesamt sind im Unternehmen rund 400 Menschen mit BIM beschäftigt. Die Digitalisierung von Plänen sei laut Adrian Wildenauer gar nicht das große Problem. Diese müssten sowieso irgendwann digitalisiert werden. Bedeutender ist, wie BIM in die rund 2.000 bis 3.000 IT-Systeme eingebunden werden kann, die bei den SBB zusammenarbeiten. Schon jetzt ist es ein hochkomplexes System. So muss gut bedacht werden, wo Daten in das BIM überführt werden können und welche Daten im System bleiben müssen.

BIM geht nicht im Alleingang

Aber das ist nur die Sicht nach innen. Genauso wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbänden. „Wir sind zwar ein großer Player, aber wir stehen nicht allein“, sagt Wildenauer. Deshalb sei der erste Schritt seines Projektes gewesen, gemeinsam mit diesen Gruppen Grundlagen für BIM zu formulieren. Schließlich müssen auch die Partner der SBB in der Lage sein, entsprechende Informationen zur Verfügung zu stellen und gegebenenfalls mit entsprechenden Systemen arbeiten zu können.

Die Einführung des BIM hat deshalb sechs Projektschritte. Es wird eine gemeinsame Bestellgrundlage aufgebaut, eine Bauteilebibliothek, eine gemeinsame Sprache definiert, ein gemeinsames Datenmodell erstellt, ein gemeinsames Zielbild und eine Roadmap sowie gemeinsame Anwendungsfälle. Neben den anderen Punkten ist eine gemeinsame Sprache essentiell. In den alten Zeiten saßen Bauherren und Architekten beisammen und tauschten sich über den Plänen aus. Und durch diesen Austausch gab es eine gemeinsame Vorstellung davon, was mit einer bestimmten Bezeichnung gemeint war. „Ob man dann Wohnzimmer oder Stube sagte, war egal“, sagt Wildenauer. „Digital muss man sich aber auf gemeinsame Bezeichnungen und damit Attribute einigen, da sonst das System nicht funktioniert.“

Die großen Vorteile von BIM sind laut Adrian Wildenauer Kollaboration, Koordination und Struktur. Zudem erhofft sich die SBB weitere Erkenntnisse aus den Daten. So könnten etwa Personenströme und Schienennutzung mit den BIM Daten verknüpft werden, um so etwa Nutzung und Abnutzung zu prognostizieren. 

Vorbehalte gegenüber BIM abbauen

Den Digitalisierungsgrad des Schweizer Handwerks schätzt Wildenauer etwa auf dem deutschen Niveau ein. So müssen auch in der Schweiz Vorbehalte gegenüber dem neuen System abgebaut werden. Die SBB arbeitet hier mit allen relevanten Verbänden zusammen, führt Informationstage durch und versucht das Thema in die Handwerksbetriebe zu bringen. „Wenn man mal überlegt, wie viel Papier zur Dokumentation bei einem Bau anfällt, dann sieht man, dass die meisten Daten eigentlich schon da sind. Sie müssen nur noch in ein Format übertragen werden, mit dem wir im BIM weiterarbeiten können.“

Gefährdete Daten

Mehr Daten wecken auch mehr Begehrlichkeiten. Gerade die BIM-Daten von großen Bauprojekten könnten Angriffspunkte für Hacker werden. „Das muss über Zugriffsrechte abgebildet werden. Natürlich sollte nicht jeder Einblick in alle Daten haben“, sagt Wildenauer. „Das ist auch schon früher bei sensiblen Projekten so gewesen. Da haben die verschiedenen Gewerke auch nicht den gesamten Plan eines Bahnhofs oder einer Betriebszentrale bekommen, sondern nur von dem Ausschnitt und mit den Angaben, die sie für ihre Arbeit brauchten.“ Sicherheitsaspekte müssten vor allem bei der kritischen Infrastruktur immer mitgedacht werden.

Henning Zander ist freier Wirtschaftsjournalist, Diplom-Jurist und zertifizierter Datenschutzbeauftragter (TÜV).

Haben Sie Interesse an diesem Thema? Adrian Wildenauer ist Referent unseres Seminars  Building Information Modeling  am 1. und 2. Dezember  2022. Melden Sie sich gern für das Seminar an: Zur Buchung. Oder werfen Sie vorab einen Blick ins Programm.