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Ein Schild mit der Aufschrift "Fachkräfte gesucht" hängt an einer Glastür. Es spiegeln sich öffentliche Gebäude in der Scheibe.
Im öffentlichen Dienst fehlen etwa 360.000 Fachkräfte, die meisten in der IT, in den Kitas und Schulen. Das haben die Fachgewerkschaften dem DBB Beamtenbund gemeldet.

Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst: Staat gegen Wirtschaft?

360.000 Fachkräfte fehlen laut Ulrich Silberbach, Chef des Deutschen Beamtenbunds, im öffentlichen Dienst. In der Wirtschaft können laut einer jüngsten Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer etwa 2 Millionen Stellen nicht besetzt werden. Soweit die Fakten. Nun hat sich der Fachkräftemangel offenbar so weit verschärft, dass zu offenen Schuldzuweisungen übergegangen wird: Arbeitgeberpräsident Reinhard Dulger hatte im Dezember behauptet, der Staat sauge „Talente aus den produktiven Bereichen in die Bürokratie“ und verschärfe das Arbeitskräfteproblem für die Wirtschaft. Mareike Artmann, Personalentwicklerin an der Universität Regensburg, kritisierte seine Aussage auf LinkedIn – das Echo war vehement. Wir unterhielten uns mit ihr über die Konkurrenz zwischen Staat und Wirtschaft und darüber, wie die Universität Regensburg im War for Talents besteht.

Interview

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sprach in einem Interview davon, dass der öffentliche Dienst fähiges Personal aus der Wirtschaft abziehe. Wie sehen Sie das?

Mareike Artmann: Ich sehe das anders. Mein Eindruck ist nicht, dass wir Fachkräfte absaugen, sondern vielmehr, dass der Öffentliche Dienst eher später in das Blickfeld des Fachkräftemangels gerückt ist. Dadurch kann man jetzt den Eindruck bekommen, wir wären die Schuldigen. Aus meiner Sicht ist der Arbeitsmarkt generell stark umkämpft. Jede Branche, jede Berufsgruppe sucht mittlerweile Personal, die Maschinenbauer genauso wie die Gesundheitsdienstleister und die Logistikunternehmen. Auch die Universität Regensburg ist betroffen. Und wir können sehen: auch unsere Angestellten aus dem nicht-wissenschaftlichen Bereich wechseln in die Wirtschaft.

Oft klagen Städte und Gemeinden, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, dass namhafte Unternehmen ihnen kaum Fachkräfte übrig ließen. Wie kommt man aus dem Dilemma gegenseitiger Schuldzuweisungen wieder heraus?

Es ist immer leicht, jemand anderem die Schuld zu geben. Statt dass man selber mal schaut: Was habe ich als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber selbst dazu beigetragen? Für mich war das gegenseitige Abziehen von Personal bislang kein Thema. Wirtschaftsunternehmen und öffentlicher Dienst sind für mich im Grunde nicht vergleichbar.

Warum nicht?

Die Rahmenbedingungen sind zu unterschiedlich. Das fängt bei den Einstellungsvoraussetzungen an und hört bei den  begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten, die uns auch durch unseren Tarifvertrag auferlegt werden, auf. Auch daher finde ich es schwierig, sich die Schuld gegenseitig zuzuweisen.

    Die Frage muss doch sein: Was kann ich denn verbessern? Aber nicht nur die Rahmenbedingungen sind unterschiedlich, sondern oft auch die Motivation der Bewerber*innen. In unserem Bereich stellen sich Menschen vor, denen andere Dinge wichtig sind. Wobei das natürlich negativ ausgelegt werden kann.

    Was meinen Sie damit?

    Wir bekommen mitunter zu hören, dass sich bei uns auch Leute bewerben, die in der Wirtschaft nicht Schritt halten könnten. – Also das sehe ich definitiv so nicht! Es sind vielmehr einfach Menschen, denen oftmals Arbeitsplatzsicherheit wichtiger ist als das Erklimmen der Karriereleiter.

    Richter*innen, Polizist*innen und Universitätsangestellte gehören ebenso zum öffentlichen Dienst wie Mitarbeiter*innen in Bürgerämtern und Bundesministerien. Nicht alle Berufsgruppen können jedoch in der Wirtschaft arbeiten …

    Wenn jemand Polizist werden möchte, dann muss er in den öffentlichen Dienst. Da gibt es keine Alternative in der Wirtschaft. Im Grunde diskutiert man am Thema vorbei, wenn man sagt „der öffentliche Dienst“. Man muss da einfach unterscheiden. Wir haben auch Pflegekräfte und Lehrer*innen im öffentlichen Dienst. Oft wird pauschal behauptet, der öffentliche Dienst sei total aufgeblasen – das kann man so einfach nicht sagen, man müsste vielmehr die einzelnen Bereiche, die der öffentliche Dienst umfasst, betrachten. Man hört und liest, wie viele Fachkräfte gerade in diesen Bereichen fehlen.

    In welchen Bereichen des öffentlichen Diensts könnte man optimieren, wie oftmals gefordert wird?

    Einerseits gibt es sehr viele Bereiche, da müssen wir mehr Menschen haben, wie beispielsweise in der Pflege. Dort bringt es nichts, die Prozesse zu optimieren. Andererseits gibt es auch Bereiche, in denen optimiert werden kann, etwa in unserem Bereich, dem Verwaltungsbereich. Optimierung und Digitalisierung würde Potentiale freisetzen, aber nur für andere Bereiche, die schon jetzt eine hohe Überlast bewältigen müssen.

    Wo stehen die Universitäten im viel beschworenen War for Talents? Wer sind ihre schärfsten Konkurrenten?

    An Universitätsstandorten sind die Behörden unsere Konkurrenz. Und auch Einrichtungen, die die gleichen Stellenprofile haben wie wir. Für mich ist der Punkt des Wettbewerbs allerdings nicht ausschlaggebend. Ich sehe eher, dass die Strukturen es uns schwer machen, Personal zu finden. Wir können keine personifizierten Angebote machen. Wenn eine Bewerberin zum Beispiel 20 Jahre Berufserfahrung hat und feste Vorstellungen über ihr zukünftiges Gehalt, dann können wir leider nicht mehr Geld zahlen, als das Tarifrecht bzw. die Entgeltgruppe es vorsieht. Verhandlungen führen, wie man es in den Seminaren als Personaler gelernt hat, das geht bei uns nicht. Wir haben lediglich einen kleinen Spielraum in Bezug darauf, in welche Erfahrungsstufe der Entgeltgruppe wir eingruppieren können.

    Wie gelingt es der Universität Regensburg, gut ausgebildetes Personal einzustellen und zu binden? Setzen Sie beispielsweise auf Employer Branding?

    Wir sind recht breit aufgestellt und bieten unseren Angestellten vieles an. So haben wir vor zwei Jahren ein Gesundheitsmanagement auf den Weg gebracht und fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Teilzeitregelungen. „Familie“ bedeutet dabei nicht nur Kinderbetreuung, sondern auch Pflege von Angehörigen. Die Universität hat auch eine gute Homeoffice-Regelung geschaffen, bis zu 60 Prozent ihrer Arbeitszeit können Angestellte im wissenschaftsstützenden Bereich von zu Hause aus arbeiten, wenn es sich mit den dienstlichen Bedürfnissen vereinbaren lässt. Und natürlich ist es spannend, in einer Universität zu arbeiten! Man kommt hier mit Themen, Diskussionen und Menschen in Berührung, mit denen man sonst nicht in Berührung kommen würde. Wir haben so viele Veranstaltungen und Vorlesungen, die jedem, der hier arbeitet, zugänglich sind – das kann ich wirklich nur empfehlen.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Das Interview führte Diane Schöppe

    Mareike Artmann ist bereits seit 2009 an der Universität Regensburg in verschiedenen Bereichen tätig. Seit 2020 ist sie mit viel Herzblut Teil des Teams Personalentwicklung für das wissenschaftsstützende Personal.

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