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Wasservögel fliegen über die Nordsee. Im Hintergrund eine Reihe Windräder

Sind Windenergie und Artenschutz unversöhnlich?

Beides muss zusammen gehen, da sind sich Politiker*innen und Naturschützer*innen zunehmend einig. Aber jedes neue Vorhaben stellt Mensch und Umwelt vor Herausforderungen, so auch das EU-Offshore-Windenergie-Projekt in der Nordsee. Bisher ist es „nur“ geplant – aber welche Auswirkungen es haben könnte, liegt auf der Hand. Wirtschaftsminister Robert Habeck bat bei einem anderen Projekt, dem Bau der Flüssiggasterminals, bei den Umweltverbänden schon mal um Verständnis.

Im Mai 2022 kamen im dänischen Esbjerg führende europäische Politiker*innen zum Klima-Spitzentreffen zusammen, dem „North Sea Summit“. Im Beisein von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterzeichneten die Regierungschef*innen von Dänemark, Belgien, den Niederlanden und Deutschland eine historische Vereinbarung: Grüner Strom, gewonnen aus der Windkraft der Nordsee, soll sich zukünftig verzehnfachen.

Die vier Nordsee-Anrainer-Staaten werden in dieses Mega-Projekt über 300 Milliarden Euro investieren und 10.000 neue Windräder aufstellen. Bis 2030 sollen diese eine Leistung von 65 Gigawatt erbringen und bis 2050 sogar 150 Gigawatt. Expert*innen gehen davon aus, dass bis zu 230 Millionen Haushalte mit der Energie versorgt werden können.

In der Nordsee steckt ein Riesenpotential für Energiegewinnung, da sind sich die beteiligten Länder einig. Die Windkraft ist stark und zuverlässig genug, so dass sie an nahezu allen Tagen im Jahr Energie produzieren kann. Zudem liegt der Meeresboden für den Bau der Windräder nicht zu tief. Sechs bis sieben Staaten, die einen hohen Energieverbrauch haben, könnten von den neuen Offshore-Anlagen profitieren.

Dieses langfristig aufgesetzte Projekt geschieht vor dem Hintergrund des wirtschafts- und klimapolitischen Umbaus ganzer Gesellschaften – zumindest in Europa. Industrie und private Haushalte sollen weg von fossiler hin zu nachhaltiger Energieversorgung, statt Benzinern und Dieselverbrennern sollen E-Autos unsere Straßen befahren und Schiffe und Flugzeuge sollen künftig mit grünen Brennstoffen betankt werden.

Wie kommt der Strom vom Meer ans Land?

Neben all der Euphorie über den gemeinsamen Schulterschluss gab es jedoch auch bereits Kritik: „Die Technologie ist klar, die Investoren sind klar und es wird kein Problem sein, die Windräder zu betreiben. Aber es fehlt eine Marktstrategie“, sagt Ulrich Bang von der Dänischen Handelskammer, einem der größten Unternehmerverbände des Landes, im dänischen Fernsehen. Brian Vad Mathiesen, Professor für Energieplanung an der Universität Aalborg, weist ebenfalls auf noch offene Fragen hin. Er sieht die viel größeren Herausforderungen in dem noch fehlenden Design: „Wie sollen die Windkraftanlagen angeschlossen werden? Wie wird der Strom an die Küsten transportiert, und wie kommt der Strom dorthin, wo wir ihn brauchen – in die Großstädte Mittel- und Nordeuropas?“

Umweltverbände weisen nicht nur auf Artenschutz hin

Auf Investitionsprojekte dieser Größe in der Nordsee werden selbstverständlich auch Umweltverbände ihr Augenmerk richten. Die Nordsee wird seit vielen Jahrzehnten stark bewirtschaftet, See- und Rastvögel müssen sich ihren Lebensraum mit Schifffahrt, Tourismus und Förderinseln teilen. Meeressäugetiere, wie etwa die Schweinswale, werden durch den Bau von Windkraftanlagen gestört. 

Der World Wide Fund For Nature (WWF), eine der größten Naturschutzorganisationen der Welt, sieht zwar einerseits „erneuerbare Offshore-Energie als einen wesentlichen Bestandteil der Energiewende hin zu einer widerstandsfähigen und vollständig dekarbonisierten Wirtschaft und unverzichtbar, um ein klimaneutrales Europa zu erreichen“. Andererseits, so heißt es im Positionspapier von 2021, sei dieser Trend aus klimatischer Sicht problematisch, da er nicht nur eine enorme Auswirkung auf die Artenvielfalt mit sich brächte, sondern „der Ozean eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des Klimas unseres Planeten spielt“.

Robert Habeck (Grüne), der im neu geschaffenen Wirtschafts- und Klimaschutz-Ministerium mit dem Ziel angetreten ist, die Wirtschaft klimaverträglich umzubauen, hat bereits in puncto Bau der Flüssiggasterminals bei den Umweltverbänden um Verständnis geworben: Dass Genehmigungsverfahren vereinfacht würden, sei nötig, da sich Deutschland darauf vorbereiten müsse, kein Gas mehr aus Russland zu erhalten. Ende März hatte das Bundesministerium die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen.

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